Mit dem ersten Hören des Songs „Tenet“ von Heilung, einer Nordic-Ritual-Folk-Band aus Dänemark, Deutschland und Norwegen, war ich magisch in seinen Bann gezogen. Ich war von Anfang an fasziniert von der Einfachheit und dennoch außerordentlichen Komplexität der Melodie wie auch des Textes.
Ich würde die Melodie des Songs aus dem Album „Drif“ als klar, harmonisch und dennoch eigenwillig und etwas kantig beschreiben, besonders im ersten Teil.
Gerade deshalb entstand in mir die Idee, den Song in einem Gewebe darzustellen und überlegte sofort, wie ich das umsetzen könnte. Ich stellte mir vor, die Melodie in Schafteinzug und Trittfolge zu „übersetzen“.
Das heißt, jeder Ton sollte einen Faden darstellen und seine Tonhöhe den Schaft, in welchem er eingezogen wird.
Beim Aufschreiben der Noten in ein Notenheft habe ich festgestellt, dass es nicht nur eine, sondern drei verschiedene Melodien sind, die den Song ausmachen und dass jede Melodie für sich ein symmetrisches Bild ergibt.

Das Notenblatt zeigt nur die erste und die dritte Melodie.
Erst jetzt habe ich angefangen, im Internet zu recherchieren und habe herausgefunden, dass jede der drei Melodien, sowie Teile des Textes Palindrome sind, also gleichermaßen von vorn wie von hinten gelesen werden können. Der Titel des Songs „Tenet“ ist Teil des Eingangstextes – des Sator-Quadrates. Es besteht aus den fünf Wörtern SATOR (dt. Sämann), AREPO (unsichere Bedeutung), TENET (dt. hält), OPERA (dt. Werke), ROTAS (dt. Räder). Das Sator-Quadrat lässt sich nicht nur von vorn und von hinten lesen, sondern auch von oben und von unten. (1) siehe unten
S A T O R
A R E P O
T E N E T
O P E R A
R O T A S
Nachdem ich die Noten aufgeschrieben habe, fand ich die erste und die dritte Melodie des Songs für ein Gewebe am interessantesten.
Um die Anzahl der Schäfte herauszufinden, die ich zum Weben brauchen würde, schaute ich, welche Intervalle die beiden Melodien umfassen. Die erste umfasst eine Oktave, die dritte eine Quarte. Demnach wären, um die erste Melodie darzustellen, acht Schäfte nötig und für die dritte Melodie vier Schäfte. Der tiefste Ton sollte in den ersten Schaft eingezogen werden und der höchste Ton in den achten bzw. in den vierten Schaft.
Da aber in der ersten Melodie der Ton „f“ fehlt, d.h. die 7. Notenzeile (von unten gezählt) leer bleibt, müsste ich demnach den 7. Schaft leer lassen, was beim Weben aber keinen Sinn ergibt. Also musste ich den höchsten Ton der Melodie (das „g“) herunter holen auf eine Zeile tiefer und konnte somit nur 7 Schäfte einsetzen. Dadurch ist die Melodie zwar nicht mehr korrekt, aber nur so war ich in der Lage, einen haltbaren Stoff zu weben. Die Symmetrie würde dadurch keinen Abbruch erleiden.
Nun kam das Softwareprogramm Fiberworks, mit dessen Hilfe ich Patronen erstellen kann, ins Spiel. Ton für Ton übertrug ich die Melodien auf die Zeilen, die die Schäfte darstellen. Hier habe ich auch versucht, die Tonlängen zu berücksichtigen. Das war aber nur bedingt möglich, denn ich wollte zu lange Flottierungen im Gewebe vermeiden. Nur an den Stellen, wo zwei Textsilben auf denselben Ton fallen, habe ich das durch zwei auf denselben Schaft eingezogene Fäden dargestellt.
Die Trittfolge sollte genau dieselbe sein wie der Schafteinzug. Demnach zeichnete ich ebenfalls 7 bzw. 4 Tritte ein.
Um ein Gewebebild in meinem Softwareprogramm zu erhalten, musste ich noch die Verschnürung der Tritte einzeichnen. Da der Text das Sator-Quadrat enthält, sollte die Verschnürung symmetrisch sein. Nach langem Probieren, Verwerfen und wieder Probieren habe ich mich, um die erste Melodie darzustellen, für die sechs folgenden Varianten entschieden.
Daraus sind zusammengesetzte Bindungen aus Leinwand, Panama und Köper entstanden.






Für die dritte Melodie habe ich zwei Varianten der Verschnürung gefunden, die meinen Vorstellungen entsprachen, einmal eine Panama- und einmal eine Köpervariante.


Bevor ich meine Überlegungen aber in reale Gewebe umsetzen konnte, musste ich die meisten Entwürfe in praktikable Patronen umändern, wodurch sich die Verschnürungen vereinfachten. In dessen Folge verringerte sich die Anzahl der Tritte, was eine Anpassung der Trittfolge erforderte. Die Wahrscheinlichkeit, dabei Übertragungsfehler zu machen, war nicht gering, aber mithilfe des Gewebebildes im Softwareprogramm konnte ich ganz einfach die Richtigkeit überprüfen.

Drei Beispiele


Die Anzahl der Schäfte hätte ich theoretisch ebenfalls anpassen können, aber dadurch hätte ich nicht mehr die Möglichkeit gehabt, verschiedene Varianten im Musterwebstuhl zu weben. Also blieb es bei den sieben, bzw. vier Schäften.
Zuerst habe ich die erste Melodie gewebt. Das heißt, ich habe die Kette in die von der Melodie vorgegebenen 7 Schäfte eingezogen. Als Material verwendete ich ein gebleichtes Halbleinen Nm 12/2. Für den Schuss kam das gleiche Material in derselben Stärke zum Einsatz, und zwar in den Farben dunkelbraun und rotbraun, die sich mit dem Wechsel der Trittfolgen abwechselten. Die Kett- und Schussfadendichte betrug 10 F/ cm.
Das Ergebnis ist ein Stoff mit kurzen Musterfolgen, sowohl in Kett-, als auch in Schussrichtung, was ihm ein ziemlich unruhiges Aussehen verleiht. Die Quadrate kommen nicht so zur Geltung, wie ich es erwartet hatte, was sicher nicht nur dem kurzen Musterrapport geschuldet ist, sondern auch dem etwas zu rustikalen Halbleinen.






Die Stoffproben sind in derselben Reihenfolge abgebildet wie ihre zugehörigen Patronen oben.
Aus der Erfahrung mit dem ersten Stoff wählte ich für mein Probegewebe der dritten Melodie eine glatt gezwirnte, mercerisierte Baumwolle mit der Lauflänge von 560 m/ 100 g. Die Kett- und Schussfadendichte betrug ebenfalls 10 F/ cm.
Als Ergebnis kam ein Stoff mit klar strukturiertem Muster heraus, bei dem die Quadrate deutlich zu erkennen sind, sowohl in der Panama-, als auch in der Köperverschnürung.
Das Muster wirkt etwas ruhiger und zurückhaltender als das der ersten Probe, worauf schon der längere Musterrapport hinweist.

Panama

Köper
Das brachte mich auf die Idee, den Rapport der ersten Melodie im Einzug wie auch in der Trittfolge zu verlängern, um das Muster des Stoffes sozusagen zu beruhigen.
Das Experiment geht weiter…
(1) Wer mehr über die Bedeutung des Sator-Quadrates und die Entstehung des einzigartigen Songs der Band Heilung erfahren möchte, sei auf folgende Seiten verwiesen:
https://obliveon.de/heilung-praesentieren-tenet-single-und-official-mood-video/
https://www.songtell.com/de/heilung/tenet
https://decemsys.de/sator/sator2.htm
https://www.blog-olivier-perret.org/kennen-sie-das-sator-quadrat
